Trainieren - aber mit Köpfchen!
- Barbara Thoma
- 22. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Wenn sich Ihr Training eher wie reine Symptombekämpfung anfühlt, anstatt - wie erhofft - eine echte Verhaltensveränderung zu bewirken, sind Sie damit nicht allein. All die Trainingstipps auf Insta, TikTok & Co. lassen uns im Glauben, dass nur eine knackige Session im heimischen Garten genügt, bis die Fellnase wahlweise die Nachbarskatze ignoriert, keine Angst mehr vor dem Rasenmäher hat, im Slalom durch unsere Beine läuft, durch brennende Reifen springt oder sich entspannt auf einer Decke niederlässt. Aber Sie ahnen es bereits: Hinter echtem Lernen steckt viel mehr. Zum Beispiel ein Hundehirn.

Noch einmal mit Gefühl
Über Jahrzehnte huldigte Hundetraining der Maxime, blinder Gehorsam sei das oberste Ziel:Sitz. Bleib. Nein. Aus. Lass los.
Im Mittelpunkt stand die Unterordnung, die den Trainererfolg so schön sicht- und messbar auswies. Nicht relevant war das Wissen darüber, geschweige denn: das Verständnis dafür, wie Hunde tatsächlich lernen.
Heute wissen wir dank Jahrzehnte der Forschung: Verhalten ist nicht gleich Handeln. Es ist keine einzelne Reaktion auf ein Signal, sondern das nachhaltige Resultat von der emotionalen Anpassung an die Umwelt.
Wer sich sicher fühlt, denkt besser mit
Hunde machen nicht deshalb weil ihr Ding, weil sie "stur" sind, "dominant" sein wollen oder "Grenzen austesten". Sie zeigen ein Verhalten, wie es für ihr Gehirn auf Grundlage früherer Erfahrungen, ihres emotionalen Zustands und der jeweiligen Situation sinnvoll erscheint.
Wirkt die Welt berechenbar und sicher auf sie, können Hunde nachdenken. Wenn sie ihnen verwirrend oder überwältigend begegnet, reagieren sie instinktiv. Anders ausgedrückt: Je klarer und verlässlicher der Alltag ist, desto weniger müssen Hunde auf reine Instinkte zurückgreifen. Wenn wir unsere Hunde also dabei unterstützen wollen, lern- und aufnahmefähig zu sein, sollten wir für eine sichere Umgebung sorgen und Ihnen Routinen in ihren Tagesablauf integrieren.
Training hingegen, das auf Unterdrückung einer ungewollten Reaktion setzt, operiert nur am Symptom herum, löst aber nicht die Ursache. Der Hund mag dann in der Situation vielleicht "funktionieren", weil er verunsichert, gehemmt und gestresst ist. Wird Verhalten dauerhaft unterdrückt, köchelt das zugrunde liegende Bedürfnis unter der Oberfläche weiter, es staut sich Frust auf, der sich sich in manchen Fällen sogar in aggressivem Verhalten entladen kann.
Reflexionskompetenz vs. Reflexkompetenz
Wie das menschliche Gehirn besteht dieses Organ eines Hundes aus verschiedenen Bereichen mit unterschiedlichen Aufgaben. Für Lernen, Impulskontrolle, flexibles Denken und bewusste Entscheidungen ist vor allem der präfrontale Kortex zuständig. Bei Stress, Angst oder Überforderung wird seine Aktivität jedoch gehemmt. Dann sitzt der Hund nicht, wenn er soll. Er dreht sich nicht um, wenn er soll. Er kommt nicht, wenn er soll. Oft heißt es dann "Mein Hund ignoriert mich!", da die Situation nicht korrekt als "unsicher" gelesen und nicht erkannt wird, dass sein Nervensystem von Reflexion auf Reaktion umgeschaltet hat. In Momenten übernehmen schneller arbeitende Strukturen wie das limbische System, das für Alarm- und Schutzreaktionen zuständig ist. Bellen, in die Leine springen, Erstarren oder Fluchtverhalten sind daher kein Ungehorsam, sondern Ausdruck eines aktivierten Schutzsystems. Erst mit Ruhe, Sicherheit und Orientierung kann der präfrontale Kortex wieder arbeiten und Lernen stattfinden.
Neuroplastizität und Verhaltensänderung
Das Gehirn ist kein starres Organ. Neuroplastizität bezeichnet seine Fähigkeit, sich durch Erfahrungen strukturell und funktionell anzupassen. Junge Gehirne sind besonders formbar, doch auch erwachsene Hunde (und Menschen) bilden lebenslang neue neuronale Verbindungen. Vor allem wiederholte Erfahrungen, insbesondere emotional bedeutsame, stärken, verändern oder schwächen bestehende Netzwerke nachhaltig.
Wollen wir also ein Verhalten unseres Hundes verändern, können wir nicht - einfach ausgedrück - eine neuronale Verbindung kappen (= ungewolltes Verhalten löschen) und eine neue knüpfen (= gewolltes Verhalten lehren). Stellen Sie sich Gewohnheiten wie Nervenstraßen durch das Gehirn vor: Neue Verhaltensweisen beginnen als schmale Trampelpfade. Durch Wiederholung werden daraus befestigte Wege und schließlich Autobahnen. Alte Wege verfallen, wenn sie nicht mehr genutzt werden. Das Gehirn behält, was sich bewährt. Wir müssen also bessere Verhaltensalternativen dadurch stärken, indem wir sie regelmäßig wiederholen. Wiederholtes Verhalten fällt leichter, wird schneller abgerufen und läuft zunehmend automatisch ab. Nicht mehr gefördertes Verhalten wiederum verblasst nach und nach.
Ganz wichtig dabei: Nicht die Geduld verlieren. Alte Muster können schnell wieder auftauchen, denn ihre „Straßen“ bauen sich nur langsam zurück! Dieser neuronale Umlernprozess braucht Zeit. Und das ist völlig normal.
Die richtigen Bedingungen fürs Lernen schaffen
Kurz zusammengefasst: Lernen braucht Sicherheit, Vorhersehbarkeit und klare Kommunikation. Stress hingegen blockiert Denken und Lernen.
Deshalb beginnt moderne Verhaltensarbeit bei der Regulation des Nervensystems: Tempo rausnehmen, Wahlmöglichkeiten schaffen, Neugier fördern und überlegte Reaktionen verstärken statt bloßer Schnelligkeit.
Das ist besonders wichtig für Welpen, Tierschutzhunde und reaktive Hunde. Ihre Gehirne entwickeln sich noch oder müssen sich erst erholen.
Hier einige Tipps ...
Signal geben und warten: Gib ein Signal einmal und pausiere dann. Wer drängt, erzeugt Druck und bloßen Gehorsam statt eigenständigem Denken. Geduld fördert Problemlösefähigkeit.
Spiele mit Wahlmöglichkeiten nutzen: Lass deinen Hund Entscheidungen treffen. Verstecke zum Beispiel ein Leckerli unter einem von drei Bechern und lass ihn selbst herausfinden, welchen er untersuchen möchte. Solche einfachen Denkaufgaben aktivieren den präfrontalen Kortex und stärken das Selbstvertrauen.
Schnüffeln fördern: Ruhiges, bewusstes Schnüffeln aktiviert große Teile des Gehirns und hilft, das Nervensystem zu regulieren.
... und worauf Sie auch noch achten sollten:
Wählen Sie die Belohnungen sorgfältig aus, nicht jeder Hund ist Futterjunkie. Wenn Ihr Hund nach erfolgreicher Übung nur enttäuscht auf das Leckerchen in Ihrer Hand starrt, ist es Zeit, sich zu fragen: Worüber freut sich mein Hund eigentlich WIRKLICH?
Richtiges Timing beim Bestätigen oder Belohnen
Bauen Sie das Training kleinschrittig auf und schrauben Sie Ihre Erwartungen herunter
Freuen Sie sich angemessen (!) über jeden erfolgreichen Trainingschritt
Lesen Sie Ihren Hund, achten Sie auf Körpersignale
Lassen Sie den Clicker in der Tasche. Er ist ein tolles Hilfsmittel für punktuelles Markieren, aber der Prozess emotionaler Veränderungen kann nicht markiert werden. Hier geht es vor allem um die positive Grundstimmung.
Neugierig geworden?
Wollen Sie diesen verhaltensbasierten Ansatz auch im Training mit Ihrem Hund umsetzen? Ich unterstütze Sie gerne dabei: info@engadog.com.




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