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Das Schweigen der Leine

  • Barbara Thoma
  • 26. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Ziehen Sie noch oder kommunizieren Sie schon?

Hier gehen die Meinungen anscheinend auseinander.
Hier gehen die Meinungen anscheinend auseinander.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie oft wir unsere Hunde im Alltag ganz selbstverständlich über die Leine bewegen? Ein kurzer Zug nach links, weil uns ein Fahrrad entgegenkommt. Ein Ruck nach rechts, damit der Hund nicht zu einem anderen Vierbeiner läuft. Schnell noch ein Stück zur Seite – ein Auto fährt dicht vorbei! Das alles geschieht meist völlig automatisch und selten mit böser Absicht. Im Gegenteil: Wir möchten unseren Hund sicher durch den Alltag führen.


Gerade deshalb lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und das eigene Verhalten einmal bewusst zu beobachten. Denn häufig greifen wir zur Leine, bevor wir unserem Hund überhaupt die Möglichkeit geben, auf unsere Stimme oder Körpersprache zu reagieren.

Dabei steckt genau darin ein enormes Potenzial: Hunde sind Meister darin, sich an uns zu orientieren (wenn wir ihnen die Chance geben!).


Unsere Hunde haben erstaunlich wenig Mitspracherecht

Wenn wir ehrlich sind, bestimmen wir nahezu jeden Aspekt im Leben unseres Hundes. Wir entscheiden,

  • wann gefressen wird,

  • was im Napf landet,

  • wie lange der Spaziergang dauert,

  • welchen Weg wir einschlagen,

  • wem unser Hund begegnet,

  • wann gespielt wird,

  • wann Ruhe angesagt ist,

  • und wann und wo sich unser Hund lösen darf.


Natürlich gehört all das zu unserer Verantwortung, trotzdem lohnt es sich, die Situation einmal aus Vierbeinerperspektive zu betrachten und anzuerkennen: Stimmt, der gesamte Hundealltag wird von uns organisiert. Gerade deshalb sollten wir ihnen dort, wo es möglich ist, kleine Freiräume einzuräumen wie zum Beispiel die Chance, auf unsere Kommunikation zu reagieren, bevor wir körperlich eingreifen.


Wie oft bewegen Sie Ihren Hund, ohne es zu merken?

Viele körperliche Einwirkungen sind zu Gewohnheiten geworden. Wir ziehen den Hund kurz zu uns, schieben ihn ein Stück zur Seite, drehen ihn von einem anderen Hund weg oder heben ihn schnell mal hoch ... und all das passiert oft, ohne dass wir unserem Hund vorher mitteilen, was wir vorhaben. Besonders häufig beobachte ich dieses Verhalten bei kleinen Hunden. Verständlicherweise, denn sie lassen sich leicht anheben oder umsetzen. Gleichzeitig liegt darin einer der Gründe ist, warum gerade Chihuahuas & Mini-Co. so häufig Berührungen oder Handling kritisch gegenüberstehen.


Was passiert, wenn die Leine ständig entscheidet?

Für den Hund macht diese ständige körperliche Einflussnahme jedoch einen grossen Unterschied, denn sie gewöhnen sich daran, dass ihr Mensch sie in jeder Situationen jederzeit körperlich manipulieren können und damit entscheiden, wo es langgeht. Dadurch gehen wichtige Lernchancen verloren: Dauerhafte körperliche Führung kann unter anderem dazu führen, dass Hunde:

  • weniger eigenständig Lösungen entwickeln,

  • sich schlechter an neuen Situationen orientieren,

  • schneller Frust aufbauen,

  • weniger aktiv mit ihrem Menschen kommunizieren,

  • sich stärker auf körperliche Signale als auf verbale Kommunikation verlassen,

  • Berührungen zunehmend unangenehm finden,

  • oder in stressigen Situationen schneller in Unsicherheit geraten.


Natürlich entwickelt nicht jeder Hund all diese Verhaltensweisen. Es geht vielmehr darum, sich bewusst zu machen, welche Auswirkungen unsere alltägige Kommunikation langfristig haben kann.


Führen heisst nicht ziehen

Natürlich gibt es Situationen, in denen wir unsere Hunde sichern müssen. Wenn Ihr Hund plötzlich auf die Strasse laufen möchte, Wild hinterherjagt oder aggressiv auf einen anderen Hund reagiert, hat Sicherheit selbstverständlich oberste Priorität. Dieser Beitrag richtet sich ausdrücklich nicht gegen sinnvolles Management, sondern vielmehr dazu einladen, sich im normalen Alltag eine einfache Frage zu stellen:


Kann mein Hund auf ein Signal reagieren, bevor ich ihn körperlich manipuliere?


Oft lautet die Antwort: Ja.

Ein freundliches Wort, ein bekanntes Hörzeichen oder eine kleine Veränderung Ihrer eigenen Körperbewegung reichen häufig völlig aus. Viele Hunde folgen diesen Signalen erstaunlich zuverlässig, natürlich vorausgesetzt, sie haben gelernt, darauf zu achten.


Mehr Stimme, weniger Zug

Wenn Sie Ihren Hund häufiger verbal oder körpersprachlich führen möchten, können diese Übungen Ihren Alltag enorm bereichern:

  • Rückruf im Kleinen: Rufen Sie Ihren Hund nicht nur über grosse Distanzen, sondern auch für kurze (Um-)Orientierungen während des Spaziergangs.

  • Handtarget: Ihr Hund lernt, gezielt Ihre Hand anzustupsen und Ihnen dadurch zu folgen.

  • Richtungssignal aufbauen: Ob „Komm mit", „Hier lang", „Rechts lang" oder "Links lang", wichtig ist nicht das Wort, sondern sein motivierender Tonfall und die verlässliche Bedeutung.

  • Körpersprache bewusst einsetzen: Hunde lesen unsere Bewegungen oft genauer als unsere Worte.

  • Aufmerksamkeit statt Korrektur: Ein leichtes Wackeln der lockeren Leine kann als freundliche Erinnerung dienen.

  • Richtungswechsel trainieren: Wechseln Sie beim Spaziergang immer wieder spielerisch die Richtung und locken den Hund hinter sich her. So lernt Ihr Hund, sich an Ihnen zu orientieren, anstatt nur geradeaus zu laufen.


Belohnen ist nicht dasselbe wie Bestechen

Ein weiterer Aspekt wird häufig missverstanden: Futter darf selbstverständlich Teil des Trainings sein, entscheidend ist jedoch, wann es eingesetzt wird.

"Belohnen" bedeutet, dass Ihr Hund zunächst auf Ihr Signal reagiert und anschliessend eine angenehme Konsequenz erhält.

"Bestechen" bedeutet dagegen, dass der Hund den Keks zuerst sieht und sich erst dann bewegt. Das Ziel sollte jedoch immer sein, Verhalten aufzubauen, grosszügig zu belohnen und die Belohnung anschliessend Schritt für Schritt variabler einzusetzen. So lernt Ihr Hund, Ihrer Kommunikation zu vertrauen und nicht ausschliesslich dem Leckerchen in Ihrer Hand.


Möchten Sie die Kommunikation mit Ihrem Hund verbessern?

Oft sind es kleine Veränderungen im Alltag, die den grössten Unterschied machen. Gerne zeige ich Ihnen im Einzeltraining, wie Sie Ihren Hund mit klarer Kommunikation, Körpersprache und fairer Führung sicher durch den Alltag begleiten können.

 
 
 

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